Rösrath - Wenn die Nacht plötzlich kurz wird – und Schule ganz nah am echten Leben ist: Die Tür zum Klassenraum der 9b öffnet sich und ein roter Kinderwagen rollt hinein. Darin liegt kein echtes Baby, aber für Elisabeth* fühlt es sich so an. Die 15‑Jährige sieht müde aus, lächelt aber tapfer: „Ich hab‘ kein Auge zugetan. Um vier und um fünf musste ich raus. Kann ich es wieder abgeben?“ Ein Satz, der im Raum für Schmunzeln sorgt – und gleichzeitig den Kern eines außergewöhnlichen Schulprojekts trifft.
Seit mehreren Jahren arbeitet die Albert‑Einstein‑Schule in Rösrath eng mit esperanza, der Schwangerschaftsberatung der Caritas RheinBerg, zusammen. Gemeinsam führen sie das Projekt „Babybedenkzeit“ durch – ein Präventionsprogramm, das Jugendlichen Elternschaft nicht nur theoretisch erklärt, sondern erlebbar macht. Elisabeth erzählt, wie sie mitten in der Nacht an ihre Mutter denken musste, die vier Kinder großgezogen hat. Oder wie ihr am Morgen eine ältere Dame in der Bahn half, den Kinderwagen auszuheben. „Das war irgendwie schön“, sagt sie. „Man merkt, wie viel Verantwortung man plötzlich trägt.“ Gleichzeitig scheint das Projekt generationenverbindend zu wirken.
Die Babyroboterpuppen sind so programmiert, dass sie realistische Bedürfnisse zeigen – aber Sozialpädagogin Melanie Cicalo achtet darauf, niemanden zu überfordern. „Es geht nicht darum, die Jugendlichen zu erschrecken“, erklärt sie, „sondern darum, ihnen einen ehrlichen Einblick zu geben und sie zu stärken.“
Das Projekt wurde vor rund 20 Jahren von esperanza entwickelt, der Schwangerschaftsberatungsstelle der Caritas für den Rheinisch Bergischen Kreis – ursprünglich als Präventionsprogramm gegen Schütteltrauma. Monika Menne, langjährige Mitarbeiterin von esperanza, war von Anfang an dabei, ist zuständig für verschiedene Einheiten in der Schule, unter anderem die Sexualaufklärung. Sie freut sich, dass das Projekt inzwischen eine beeindruckende Größe erreicht hat und den Schülern und Schülerinnen einen umfassenden Blick auf Elternschaft, persönliche Verantwortung und die eigene Lebensplanung eröffnet.
Die Inhalte reichen von gesunder Kindesentwicklung, Risiken wie Alkohol und Drogen in der Schwangerschaft, der Aufklärung zum plötzlichen Kindstod bis hin zu Rollenbildern von Mutter und Vater und der eigenen Familien – und Lebensplanung im pädagogischen Kontext, genauso wie im finanziellen. Esperanza - Mitarbeiter Stephan Rust führt eine Einheit durch, in der die Jugendlichen Haushaltsgegenstände zuordnen sollen – klassisch „Mutter“ oder „Vater“. Am Ende steht die Frage: Wer kann eigentlich was? Die Antwort überrascht viele: alles ist verhandelbar, alles ist teilbar. Und genau das ist die Botschaft.
Die Zusammenarbeit zwischen der Schule und esperanza ist über Jahre gewachsen – und hat sich bewährt. „Wir haben das Projekt 2019 in die 9. Klassen geholt, weil wir gemerkt haben, dass Jugendliche früher mit dem Thema Schwangerschaft konfrontiert, sind“, sagt Melanie Cicalo. „Die Kooperation mit esperanza ist dabei ein echter Glücksfall. Wir arbeiten eng, vertrauensvoll und auf Augenhöhe zusammen.“ Das Projekt wird im Sexualkundeunterricht vorbereitet und später in Erdkunde und Wirtschaft wieder aufgegriffen. So entsteht ein ganzheitlicher Lernprozess, der weit über eine Unterrichtseinheit hinausgeht. Der wichtigste Teil: der Blick auf das eigene Leben! Am Ende erstellen die Jugendlichen eine Collage – ihren persönlichen „Lebensstrahl“. Was brauche ich, um gut für ein Kind sorgen zu können? Welche Ziele habe ich? Welche Voraussetzungen fehlen mir noch? „Der Prozess ist wichtiger als das Ergebnis“, betont Cicalo. „Es geht darum, dass die Jugendlichen sich selbst ernst nehmen und verstehen, wie viel Verantwortung Elternschaft bedeutet.
Als eine der Babyroboterpuppen plötzlich gluckst, sagt eine Schülerin leise: „Ich hab fast geheult.“ Ein Satz, der zeigt, wie nah dieses Projekt geht – und wie wertvoll es ist. Die Kooperation zwischen der Albert‑Einstein‑Schule und esperanza macht Schule zu einem Ort, an dem Jugendliche nicht nur lernen, sondern wachsen. Und vielleicht ist das die wichtigste Lektion überhaupt.